An den aufrichtigen Sucher

(Spiritualität — Einführung)

Gott ist in der Seele, und die Seele ist in Gott,
wie das Meer im Fisch und der Fisch im Meer.
— Hl. Katharina von Siena (1)

Der Begriff “Spiritualität” ist nicht einfach zu definieren. Die Reichweite und der Umfang dieses Themas sind in all seinen Aspekten so groß und breitgefächert, dass man es selbst mit noch so vielen Worten kaum ausdrücken kann. Es mag genügen zu sagen, dass sich die Spiritualität mit den unveränderlichen und ewigen Tatsachen des Lebens befasst, den wirkenden Prinzipien, welche die ganze Schöpfung beleben.

Seit das Bewusstsein im Menschen erwachte, war die Suche nach dem Geist und den Gesetzen der Spiritualität immer in seinem Herzen. Obwohl dieses Thema schon uralt ist, ist es immer frisch und wird es auch bleiben. Der Geist oder die Seele ist die belebende Flamme im Menschen. In ihrem Licht und Leben existiert und lebt er. Es ist daher kein Wunder, dass in allen Teilen der Erde und in jedem Zeitalter die Vorreiter des spirituellen Denkens – die Weisen und Seher, die Heiligen und Sadhs (2) – versucht haben, das Rätsel des Lebens zu lösen.

Das Thema Spiritualität befasst sich ausschließlich mit den Fragestellungen, die mit dem Bewusstsein (Geist) oder der Seele in Verbindung stehen: mit dem Ursprung der Seele oder ihrer Quelle, mit dem, was sie ist, wo sie ihren Sitz im Körper hat und mit ihrer Beziehung zum Körper. Sie befasst sich damit, wie die Seele in der physischen Welt wirkt, ob es möglich ist, sie nach Belieben vom Körper und seinen unterstützenden Werkzeugen, dem Gemüt und den Sinnen, zu trennen. Und wenn ja, welche Vorgänge damit verbunden sind. Sie beschäftigt sich mit der spirituellen Reise durch verschiedene geistige Ebenen und der Fähigkeit der Seele, sie zu durchqueren. Es geht darum, was das endgültige Ziel ist, zu dem diese Reise führt, sowie um andere verwandte Themen wie das Wohl des Geistes, wie man ihn nährt und womit. Denn von seiner Gesundheit hängt die des Gemüts und des Körpers ab. Das sind einige der wichtigsten Fragen, die in den Bereich unserer Nachforschungen fallen.

Spiritualität ist mehr eine praktische Wissenschaft als eine theoretische Erörterung. Die vielfältigen Texte der verschiedenen Weltreligionen vermitteln uns den theoretischen Aspekt, können uns aber keine anschauliche Erfahrung der Wirklichkeit (die wirkende Gotteskraft) im Labor des menschlichen Körpers geben.

Schriften wie die Veden und die Upanishaden (3) der Hindus, die Awesta (4) der Zoroastrier, die Tripataka (5) der Buddhisten, die Evangelien der Christen, der Koran der Muslime, der Adi Granth (6) der Sikhs, die Triratans (7) der Jains und andere kanonische Literatur sowie außerkanonische Werke samt ihren Kommentaren, die älteren und die modernen (die Mahabhasyas, die Angas und Upangas usw.) – sie alle mögen den Weg weisen, haben aber keine Kraft, uns auch dorthin zu bringen. Ihr Hauptverdienst liegt in der vorbereitenden Arbeit, die sie leisten, um im Suchenden das Interesse für Para Vidya oder das Wissen vom Jenseits zu wecken. Die transzendente Erfahrung selbst kann jedoch nur von einem lebenden Meister, einem Murshid-i-Kamil (8), erlangt werden, der sich in den praktischen Aspekten der Spiritualität auskennt und kompetent ist. Leben und Licht können allein vom Lebensimpuls eines Meisterheiligen kommen. Sein gnadenvoller Blick ist mehr als genug, um ein höheres Leben im Schüler zu erwecken.

Die bedeutendsten Lehrer der Menschheit wenden je nach den individuellen Bedürfnissen des Schülers alle der drei Methoden an:

  1. Anva oder grobstofflich: Die spirituellen Anweisungen werden mündlich weitergegeben.
  2. Shakta oder feinstofflich: Dem Schüler wird spirituelles Bewusstsein vermittelt, ohne dass er den äußeren Sadhan (9) oder Disziplin durchlaufen muss.
  3. Shambava oder transzendent: Der Schüler wird durch unendliche Barmherzigkeit auf die höchste Stufe der Verwirklichung erhoben, ohne dass er irgendetwas tun muss.

Als unfehlbarer Führer auf dem inneren spirituellen Weg erscheint der Meister in seiner strahlenden Form, Guru Dev (10), und begleitet den Geist, wenn er das Körperbewusstsein überschreitet, sei es während des Lebens oder zur Zeit des Todes. Als echter Meister der Wahrheit, Satguru (11), erfüllt er den göttlichen Plan. Es kann nicht überbetont werden, wie notwendig eine solche Meisterseele ist, die gleichzeitig auf verschiedenen Ebenen wirken kann – als Guru (12), Gurudev und Satguru.

Kurz gesagt befasst sich Spiritualität einzig und allein mit Selbsterkenntnis und Gott-Verwirklichung. Sie hat deshalb nichts mit institutionalisierten Religionen oder institutionalisierter Frömmigkeit, mit einem äußeren Zur-Schau-Stellen der Religion zu tun, so wie wir es heutzutage großteils praktizieren.

Spiritualität sollte auch von engstirnigem Dogmatismus unterschieden werden. Während die meisten der großen Weltreligionen dazu neigen, in ihrer Sichtweise mit der Zeit immer engstirniger zu werden, bleibt Spiritualität immer universell, indem sie Menschen aller Weltanschauungen dazu aufruft, an diesem Studium Generale oder der universalen Mysterienschule (13) teilzunehmen und es zu praktizieren. Im Gegensatz zu verschlossenen oder dogmatisch festgelegten Religionen ist Spiritualität ein offenes Buch Gottes mit einem lebendigen Hauch, den der Meister ihr verleiht, und sie so von Zeit zu Zeit dem Verständnis der Epoche angepasst darstellt. In diesem wissenschaftlichen Zeitalter wird sie dementsprechend präsentiert, mit sonst aus der Mathematik bekannter Genauigkeit und Ergebnissen, die überprüfbar sind.

Der Begriff Spiritualität ist nicht zu verwechseln mit:

  1. Spiritismus oder dem Glauben an die Existenz von Geistern außerhalb der (gewöhnlich sichtbaren) Materie. Wenn sie keinen Körper mehr haben, suchen sie die unteren Regionen als Geister heim oder halten sich als Engel auf den niedrigeren Ebenen der Astralregionen auf.
  2. Spiritualismus oder dem Glauben an das Weiterleben der menschlichen Persönlichkeit und an die Möglichkeit der Kommunikation zwischen den Lebenden und denjenigen, die “hinübergegangen” sind und sich dann als Klopfoder Schreibgeister etc. betätigen.
  3. Mesmerismus oder der Erzeugung eines Trancezustandes durch bewusst angewandten “tierischen Magnetismus”. Dabei unterwirft der Anwender die Willenskraft des Patienten.
  4. Hypnose, die eine Art Tiefschlaf erzeugt, in dem das (Wach-) Bewusstsein ausgeschaltet und der Hypnotisierte für die Eingebungen des Hypnotiseurs anfällig gemacht wird.

Spiritualität dagegen ist die Wissenschaft, bei der das höhere Bewusstsein im Menschen auf der Ebene der Seele entwickelt wird. Sie bewirkt, dass man sich vom bloßen Körperbewusstsein zum kosmischen Bewusstsein und weiter zum Überbewusst sein erhebt, damit man das Wirken des göttlichen Plans verstehen kann.

Mit diesen wenigen Worten möchte ich den Sucher nach der Wahrheit bitten, die folgenden Seiten sorgfältig zu lesen und in sich aufzunehmen, um die wahre Bedeutung dieses wichtigsten und doch sehr vernachlässigten Themas — die Spiritualität — zu verstehen.

    Kirpal Singh,
    Sawan Ashram, Delhi

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Quellenangaben:

(1) Katharina von Siena: italienische Mystikerin und Kirchenlehrerin des 14. Jdh
(2) Sadh: disziplinierte Seele, hat inneren Zugang bis Par Brahm.
(3) Upanishaden: spätvedische Schriftensammlung, ca. 500 v.Chr.
(4) Awesta: persische Schriftensammlung der Zoroastrier, etwa 1.000 Jahre v. Chr.
(5) Tripatakas: buddistische Schriftensammlung, um Christi Geburt
(6) Adi Granth: heilige Schrift der Sikhs, auch Guru Granth Sahib, 14. bis 17. Jhd. n. Chr.
(7) Triratan: heilige Schrift der Jains, ca. 500 v. Chr.
(8) Murshid-i-Kamil: spiritueller Meister/Lehrer
(9) Sadhan: Übung; äußerer Sadhan sind z.B. Bußübungen, Fasten, Nachtwachen, Pilgerreisen; spiritueller Sadhan sind Meditationsübungen
(10) Guru Dev: strahlende Form des Meisters, die innen erscheint, um den Schüler bei seiner inneren spirituellen Reise zu führen
(11) Satguru: vollkommener Meister, ist den inneren Weg zu Ende gegangen und kennt alle Details der Reise.
(12) Guru: Lehrer oder Meister, hier auf dem spirituellen Weg
(13) Mysterienschule: Geistesschulen vor allem in Ägypten und Griechenland, die sich mit Spiritualität und Mystik beschäftigten

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